Šuma šumi ...  Gastfreundschaft mit Wald

Fingerspitzen- tip-toe-Gastbegegnungen  mit sanfter Ankunft beim Mithören

 & Mit-Atmen als grundlegende Geste zwischen Gast und Gastgebenden

Bei: capaholiczsfx-forest-daytime-446356.mp3


SilviArt


SilviArt: mitWald – Eine verkörperte, relationale Erkenntnispraxis


Zum Begriff:

Anlehnend an den Begriff der "Silvikultur" (von lateinisch silva „Wald“ und cultura „Pflege/Anbau“= Waldbau)- 

die Wissenschaft und Praxis der Begründung, Pflege, Erziehung und Verjüngung von Waldbeständen,

bezeichne ich hier meine Wahrnehmung des Waldes als Mitseinsort,

mit dem ich imaginativ,  wie auch "mittendrinnen" meiner Neugierde nahgehe und immerwieder aufs neu,

den Wald an vielen Orten entdecke, besuche und denke ...

SilviArt versteht sich nicht als Ableitung einzelner Theorien,

sondern als dialogische Bewegung durch ein Geflecht von Denklandschaften. 


Der Wald erscheint in der SilviArt nicht allein als ökologisches System im Sinne der Silviculture,

sondern zugleich als ein imaginativer und existenzieller Raum des Seins.


Als Ökosystem ist der Wald geprägt durch komplexe Relationen von Wachstum, Zirkulation und Regeneration; als Erfahrungsraum eröffnet er eine dichte sinnliche Matrix aus Moos, Nadeln, Baumkronen, Regen, Zikaden und flüchtigen Erscheinungen wie Glühwürmchen. Diese doppelte Struktur – materiell und imaginär – bildet die Grundlage einer ästhetischen Praxis, die nicht repräsentiert, sondern teilnimmt.

Ausgehend von einer subjektiven Verortung – dem Wald als Kindheitsraum, als Ort des Gehens mit dem Großvater,

des Versteckens und Wiederfindens – wird Wald durch ihre Gastfreundschaft begriffen.

In dieser Haltung wird der Wald zur „großen Lunge“, die nicht nur Sauerstoff produziert, sondern ein geteiltes Atmen ermöglicht. Hier lässt sich eine Verbindung zur Atemphilosophie von Luce Irigaray herstellen, die das Atmen als eine ethische und relationale Praxis versteht: ein Mit-sein, das nicht vereinnahmt, sondern Zwischenräume eröffnet.

Listening as a relational gesture means approaching the forest not as something to observe or use, but as something to enter into relationship with.



Dieser Zugang zum Wald  ist biografisch situiert.

In meiner frühen Kindheit verbrachte ich viel Zeit im Wald, gemeinsam mit meinem Großvater Jefto.

Der Wald war für mich Kraftquelle, Schutzraum und intensiver sinnlicher Erfahrungsraum zugleich.

Ich lernte ihn als einen Ort kennen, der gibt—Früchte, Luft, Material—und zugleich Achtsamkeit verlangt.

Diese doppelte Erfahrung von Gabe und Grenze bildet die Grundlage meines Verständnisses von SilviArt:


 Wald ist kein Besitz, sondern ein Raum, dem man sich als Gast nähert.

Wald ein Raum intensiver sinnlicher und relationaler Erfahrung.


Gemeinsam mit meinem Großvater Jefto bewegte ich mich durch ein Gefüge aus Geräuschen, Gerüchen und Materialien, das sich nicht auf visuelle Wahrnehmung reduzieren ließ. Wir sammelten Holz, aus dem er Instrumente, Möbel und Spielobjekte fertigte—eine Tamburica, Flöten, kleine Stühle, Bänke, meine Schaukel.


Diese Praxis war nicht nur handwerklich, sondern auch erkenntnistheoretisch bedeutsam: Sie vermittelte ein Verständnis von Materialität, das auf Transformation statt Aneignung beruhte.

Ebenso prägend war das Sammeln von Brombeeren und Walderdbeeren,

das Zählen der Baumringe an den Stämmen—der „gods“—und das wiederholte Staunen über die Vielschichtigkeit dieses Raumes.

Besondere Bedeutung kam der Erfahrung des Bodens zu. Der Waldboden war weich, uneben, durchzogen von Baumwurzeln. Das Gehen erforderte Aufmerksamkeit, Anpassung, manchmal ein Springen, manchmal ein vorsichtiges Tasten. In dieser Bewegung entstand ein Wissen, das nicht abstrakt war, sondern im Körper verankert. Wahrnehmung vollzog sich nicht im distanzierten Blick, sondern im Vollzug der Bewegung.


Auch die Atmosphäre des Waldes prägte diese Erfahrung: der Duft von Moos, Harz, Blüten und Beeren nach dem Regen, das Rauschen der Blätter im Wind, das Zwitschern der Vögel, das den Tag strukturierte, und die Glühwürmchen, die in der Dunkelheit den Weg markierten. In solchen Momenten entstand eine Form von Resonanz, in der sich Körper und Umgebung wechselseitig beeinflussten.

Diese biografischen Erfahrungen bilden die Grundlage der SilviArt. Sie zeigen, dass Erkenntnis nicht nur kognitiv, sondern leiblich, sinnlich und relational entsteht.


Die SilviArt steht im Dialog mit philosophischen Positionen, die das Subjekt nicht als autonome Einheit, sondern als relational eingebunden verstehen. Philosophin Luce Irigaray beschreibt das Atmen als eine grundlegende Form des Teilens—ein Austausch zwischen Innen und Außen, der Subjektivität erst ermöglicht.

Atmen wird hier zu einem Modell für ein Denken, das sich nicht abgrenzt, sondern in Beziehung tritt.


Ökologische Forschung zeigt, dass Wälder als komplexe Netzwerke organisiert sind.

 In The Hidden Life of Trees wird beschrieben, wie Bäume über Wurzelsysteme und Pilznetzwerke miteinander kommunizieren und Ressourcen teilen.

Der Wald erscheint hier als ein soziales Gefüge, in dem Kooperation eine zentrale Rolle spielt.


Für die SilviArt bedeutet dies, dass der Wald nicht als Hintergrund, sondern als Akteur zu verstehen ist.

Kunst wird zu einer Praxis, die sich in dieses Netzwerk einschreibt und es zugleich wahrnehmbar macht.


Ein wesentliches Element der SilviArt ist die Erweiterung des Wahrnehmungsbegriffs.

In Anlehnung an Ansätze der verkörperten Erkenntnis (vgl. g. Lakoff 1987) wird Wahrnehmung als ein Prozess verstanden, der im Bewegen, stattfindet.


SilviArt formuliert eine künstlerische und erkenntnistheoretische Position, die den Menschen nicht als Zentrum, sondern als Teil eines relationalen Gefüges begreift. Der Wald wird dabei zu einem Raum, in dem sich Wahrnehmung, Bewegung und Denken verschränken.


Die Einbeziehung der Perspektive blinder Menschen ist hierbei wesentlich. Sie zeigt, dass Raum nicht primär visuell erschlossen wird, sondern als taktil-akustisches Gefüge erfahrbar ist. Diese Perspektive führt zu einer Intensivierung der Aufmerksamkeit und macht deutlich, dass Erkenntnis aus der leiblichen Beziehung zur Welt hervorgeht.


Die Arbeiten von Friedensreich Hundertwasser bieten eine wichtige Referenz für die SilviArt.

Seine „Schönheitshindernisse“, insbesondere der unebene Boden, unterbrechen automatisierte Bewegungen und erzeugen eine gesteigerte Wahrnehmung.

Im Wald wird dieses Prinzip unmittelbar erfahrbar. Baumwurzeln, Moos und unregelmäßige Oberflächen erzeugen eine Situation, in der jeder Schritt bewusst gesetzt werden muss. Erkenntnis entsteht hier nicht durch Übersicht, sondern durch Achtsamkeit im Vollzug.


Ökologische Dringlichkeit: Krise und Verantwortung

Die SilviArt ist nicht nur ästhetisch motiviert, sondern reagiert auf eine konkrete ökologische Situation.

Die Zunahme von Waldbränden, insbesondere in Europa, ist ein komplexes Phänomen, das primär durch eine Kombination aus Klimawandel, menschlichem Verhalten und veränderter Landnutzung verursacht wird. 

Laut Greenpeace, über 90 % der Waldbrände in der EU werden durch menschliches Handeln verursacht.

Laut Intergovernmental Panel on Climate Change ist der Klimawandel eindeutig menschengemacht.

Gleichzeitig dokumentiert die Food and Agriculture Organization einen anhaltenden Verlust von Waldflächen weltweit.

Diese Entwicklungen sind eng mit ökonomischen Strukturen verknüpft. Globale Industrien generieren Profite durch die Nutzung natürlicher Ressourcen, während ökologische Kosten externalisiert werden.

Berichte der International Energy Agency zeigen zudem, dass fossile Energiesysteme weiterhin stark subventioniert werden.

Die ökologische Krise ist daher nicht nur ein Umweltproblem, sondern auch ein Problem der Wahrnehmung und Beziehung. Natur erscheint häufig als Ressource, nicht als relationales Gefüge.


Angesichts der fortschreitenden Waldzerstörung – insbesondere durch Brände, Abholzung und andere menschliche Eingriffe – stellt sich eine zentrale Frage:

Wie können wir unser Verhältnis zur Natur neu denken und bewusster gestalten?


SilviArt bringt diesen Gedanken auf den Punkt:

„Könnte die sinnliche Wahrnehmung mehr Achtsamkeit fördern?“


Indem wir die Natur nicht nur als Ressource, sondern mit allen Sinnen erleben, entsteht eine tiefere Verbindung.

Diese bewusste Wahrnehmung kann der Schlüssel sein, um Verantwortung zu entwickeln und nachhaltiger zu handeln.

Die ökologische Krise erfordert nicht nur neue Technologien, sondern neue Formen des Wahrnehmens.

SilviArt versteht sich als Beitrag zu dieser Transformation—als Praxis des Mitseins, die den Menschen in ein lebendiges, atmendes Netzwerk einbindet ...



Ich lernte dass die Zeit nicht vergeht, sondern sich einschreibt, Schicht für Schicht.

Wenn es regnete, suchten wir Schutz unter den Baumkronen, die sich wie ein Dach über uns spannten.

Danach war die Luft erfüllt von einem dichten, lebendigen Duft—Moos, Blüten, Harz, Beeren—und ich atmete sie ein, als würde sie mich selbst verwandeln. Der Wald sprach nicht in Worten, sondern in Rhythmen: im Zwitschern der Vögel, das den Tag eröffnete, im leisen Wechsel der Geräusche, wenn die Nacht eintrat, im Erscheinen der Glühwürmchen, die im Dunkeln tanzten und uns den Weg wiesen. Auch das Rauschen der Blätter im Wind wurde zu einer Sprache, der ich gemeinsam mit meinem Großvater zuhörte.

Besonders erinnere ich mich an den Boden. Er war weich, uneben, durchzogen von Baumwurzeln,

die sich wie Spuren vergangener Zeiten durch die Erde zogen. Kein Schritt war selbstverständlich.

Man musste springen, ausweichen, tasten, innehalten. In dieser Bewegung begann ich zu begreifen, dass Wahrnehmung nicht nur im Sehen liegt, sondern im Gehen, im Spüren, im Gleichgewicht.

Der ungerade Boden verlangte Aufmerksamkeit und gab zugleich etwas zurück: eine intensivere Form des Daseins.

Ich atmete mit dem Moos, hörte dem Wind in den Blättern zu, roch Harz und süße Früchte. Ich verlor mich in diesen Eindrücken und fand mich zugleich neu. Beim Zählen der Baumringe wurde mir bewusst, dass jeder Stamm eine Geschichte in sich trägt, dass das, was gefällt ist, nicht verschwindet, sondern als Spur bleibt.

Der Wald wurde so zu einem Raum, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Bewegung ineinander übergehen.

Erst in der Dunkelheit verstand ich diese Erfahrung in ihrer Tiefe. Wenn das Sehen zurücktrat und sich andere Sinne öffneten, wurde der Wald zu einem Raum der Verbindung. Alles trat in Beziehung: Geräusch, Atem, Boden, Körper.

In diesen Momenten war ich nicht mehr getrennt von dem, was mich umgab, sondern Teil davon.

 Dieses Mitsein lertne ich als "Gast" zu erkennen. Ein Gast benimmt sich ...

So lertne ich mit meinem Großvater, jedes kleinste Tannennadel am Waldboden, jede Baumwurzel, kleine Amaeisen, Moos, Blumen ... zu respektieren, darauf zu achten, dass ich als Gast nichts störe oder zerstöre,

keine Schäden hinterlasse .. 


Aus diesen Erfahrungen heraus entsteht meine SilviArt. Sie ist kein abstraktes Konzept, sondern die Fortsetzung eines gelebten Verhältnisses zum Wald—ein Versuch, mit ihm zu denken, mit ihm zu atmen und sich in seinen Rhythmen zu bewegen. Der Wald bleibt dabei nicht Motiv, sondern ein Raum,

der Denken, Wahrnehmung und Sein zugleich hervorbringt.


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